Sie kaufen eine KMU in der Schweiz? Sehr gut. Aber wenn Sie auf Basis einer schönen PowerPoint-Präsentation und zwei „sauberen“ Bilanzen unterschreiben, spielen Sie Roulette.
Finanzielle Due Diligence ist kein akademisches Spiel. Es ist eine Sortierung: Was ist solide, was ist aufgehübscht (nicht unbedingt betrügerisch), und was wird Ihnen nach der Übernahme um die Ohren fliegen.
Hier erhalten Sie 20 konkrete Prüfungen – die, die man wirklich macht, wenn man ruhig schlafen will. Mit Schweizer Beispielen, klassischen Fallen und einer Schritt-für-Schritt-Methode.
Nützliche Referenzen (keine Links im Artikel): (Quelle: Due Diligence – Definition und Anwendungen (offiziell SECO)), (Quelle: Unternehmen übertragen oder übernehmen (Leitfaden KMU Bundesverwaltung)), (Quelle: Obligationenrecht (OR)).
Schritt für Schritt: Wie man eine finanzielle Due Diligence durchführt, die wirklich etwas bringt
1) Den Deal abstecken (und nicht nach unnötigen Dokumenten jagen)
Bevor Sie 300 Dateien anfordern, klären Sie:
- Umfang: Einzelgesellschaft, Tochter, Zweigniederlassung, isolierte Vermögenswerte?
- Stichtag: Jahresabschluss + Zwischenstand (meist letzter abgeschlossener Monat).
- Preismechanik: Festpreis oder Preis angepasst an Netto-Schulden / Working Capital?
- Was Sie wirklich kaufen: Kundenstamm, Lager, Team, Verträge, Marke, Mietvertrag.
Das macht den Unterschied. Ein „cash-free / debt-free“-Preis ohne klare Definition der Schulden ist ein Streitpunkt.
2) Rohdaten erhalten (nicht nur PDFs)
PDFs der Abschlüsse sind gut für die Präsentation. Zum Arbeiten brauchen Sie:
- Vollständiges Hauptbuch (GL) für 3 Jahre
- Detaillierte Bilanz
- MWST-Exporte (Abrechnungen, Abgleiche)
- Verkaufs-/Einkaufsexporte (nach Kunde/Lieferant)
- Liste der Anlagen + Abschreibungen
- Kredit-, Leasing-, Bürgschaftsverträge
- Liste der Streitigkeiten und Rückstellungen
Wenn Sie „das haben wir nicht“ hören, Vorsicht. Eine KMU kann einfach sein, aber sie hat immer eine Mindest-Nachvollziehbarkeit.
3) Erst „Risiko“-Lesung, dann „Wert“-Lesung
Beginnen Sie mit dem, was teuer werden kann:
- versteckte Schulden
- MWST und Sozialabgaben
- Abhängigkeit von 2 Kunden
- überbewertetes Lager
- Cash, das nicht eingeht
Die Bewertung kommt danach. Sonst diskutieren Sie über einen Multiplikator auf ein Ergebnis, das nicht existiert.
4) EBITDA normalisieren (ohne sich etwas vorzumachen)
Das Ergebnis wird angepasst, um zu isolieren:
- nicht wiederkehrende Kosten (wirklich nicht wiederkehrend)
- Eigentümervergütung (zu niedrig oder zu hoch)
- „Freundschaftsmieten“ (Mietvertrag unter Marktwert)
- private Ausgaben als Geschäftskosten
Klassische Falle: Ihnen werden 10 „one-off“-Anpassungen verkauft… die jedes Jahr wiederkommen.
5) Liste der Verhandlungspunkte erstellen
Eine nützliche Due Diligence endet mit:
- Preis-Anpassungen (Netto-Schulden, Working Capital, Lager)
- Garantien (MWST, Streitigkeiten, Sozialabgaben)
- Bedingungen (Mietvertragsverlängerung, Erhalt von Schlüsselkunden)
- Preisrückbehalt / Escrow, wenn Risiken identifiziert werden
Und beziffern. Sonst bleibt es Gerede.
Umsatzqualität: Analyse, Zuverlässigkeit und Trends
Der Umsatz ist der erste Bereich für unbeabsichtigtes Aufhübschen. Nicht unbedingt Betrug. Einfach „Pi mal Daumen“-Abschlussgewohnheiten.
Kontrolle 1 — Abgleich Buchhaltungsumsatz vs MWST
In der Schweiz ist die MWST ein hervorragender Realitäts-Check.
- Vergleichen Sie Buchhaltungsumsatz mit MWST-gemeldetem Umsatz.
- Erklären Sie jede Differenz: Export, Leistungen außerhalb des Geltungsbereichs, Korrekturen, Gutschriften.
Wenn die Differenz regelmäßig und schlecht erklärt ist, gibt es ein Cut-off- oder Klassifizierungsproblem.
Erinnerung an die Sätze (seit 1. Januar 2024): 8,1 %, 2,6 %, 3,8 % (Beherbergung).
Kontrolle 2 — Cut-off: Jahresend-Rechnungen und laufende Leistungen
Einfache Frage: „Sind die Dezember-Verkäufe wirklich im Dezember?“
Testen Sie:
- letzte Rechnungen vor Abschluss
- erste Rechnungen nach Abschluss
- Lieferscheine / Einsatzberichte
In der Praxis entdecken viele Genfer KMU das Thema beim Abschluss: Man fakturiert im Januar Leistungen aus Dezember, „weil es einfacher ist“. Ergebnis? Der Jahresumsatz wird unterschätzt, dann im Folgejahr überschätzt. Für Sie als Käufer verfälscht das den Trend.
Kontrolle 3 — Kundenkonzentration und kommerzielle Abhängigkeit
Sie wollen wissen, ob das Unternehmen von 2 Kunden lebt.
- Top 10 Kunden über 3 Jahre
- Anteil Kunde #1 und #2
- Entwicklung von Volumen und Margen
In Genf sieht man oft B2B-KMU, die von einem Auftraggeber (Uhren, Luxus, Zulieferung) abhängig sind. Wenn dieser Kunde die Einkaufspolitik ändert, fällt Ihr Businessplan.
Kontrolle 4 — Vertragsqualität: Wiederkehr, Indexierung, Kündigung
Fordern Sie die Verträge an. Kein Resümee.
- Dauer und Verlängerung
- Kündigungsklauseln
- Indexierung (Inflation, Materialkosten)
- Strafen, SLA
Ein Unternehmen kann „wiederkehrenden“ Umsatz zeigen… mit Verträgen, die in 30 Tagen kündbar sind. Das hat nicht denselben Wert.
Kontrolle 5 — Rabattpolitik, Gutschriften und Retouren
Schauen Sie:
- Gutschriftenquote (Betrag / Umsatz)
- Retouren und außergewöhnliche Rabatte
- Kundenstreitigkeiten
Eine steigende Gutschriftenquote ist oft ein Zeichen für sinkende Produkt-/Servicequalität oder kommerziellen Druck.
Kontrolle 6 — Margenanalyse nach Segment (nicht nur Gesamtmarge)
Eine stabile Bruttomarge kann verstecken:
- eine rentable Aktivität, die sinkt
- eine wenig rentable Aktivität, die steigt
Segmentieren Sie nach:
- Produkt / Dienstleistung
- Kunde
- Kanal
- Standort (Genf vs Waadt, z.B.)
Wenn es keine Kostenstellenrechnung gibt, rekonstruieren Sie mit Verkaufs-/Einkaufsexporten. Das ist Arbeit, aber verhindert den Kauf einer Maschine mit niedriger Marge.
Tabelle 1 — Schnelltests zum Umsatz (was man sehen will)
| Test | Dokument | Was es zeigt | Warnsignal |
|---|---|---|---|
| Buchhaltungsumsatz vs MWST | MWST-Abrechnungen + GL Verkäufe | Zuverlässigkeit des Umsatzes | Regelmäßige, unerklärte Differenzen |
| Jahresend-Cut-off | Rechnungen + Lieferscheine + Berichte | Seriöser Abschluss | Systematische verzögerte Fakturierung |
| Kundenkonzentration | Verkaufsexport nach Kunde | Abhängigkeit | Kunde #1 > 30% des Umsatzes |
| Gutschriften | GL + Gutschriftenexport | Qualität / Streitigkeiten | Gutschriften steigen ohne Erklärung |
| Marge nach Segment | Verkäufe + direkte Kosten | Echte Rentabilität | „Durchschnittsmarge“, die Verluste verdeckt |
Versteckte Schulden und Verpflichtungen: wesentliche Prüfungen
Hier verstecken sich böse Überraschungen. Und sie sind teuer, weil sie erst nach der Unterschrift auftauchen.
Kontrolle 7 — Finanzschulden: Banken, Aktionärsdarlehen, Covenants
Fordern Sie an:
- Kreditverträge
- Amortisationstabellen
- Bedingungen (Covenants, Kennzahlen)
- Sicherheiten (Verpfändungen, Abtretungen)
Klassiker: Ein „informelles“ Aktionärsdarlehen wird bei Kontrollwechsel fällig. Wenn es nicht schriftlich ist, klären Sie schriftlich.
Kontrolle 8 — Leasing und außerbilanzielle Verpflichtungen
Leasing (Fahrzeuge, Maschinen) wird oft unterschätzt.
- Liste der Verträge
- verbleibende Dauer
- Rückkaufwert
- Ausstiegsstrafen
Sie kaufen eine KMU mit 6 Leasing-Fahrzeugen? Gut. Aber wenn Sie sie übernehmen müssen und der Fuhrpark überdimensioniert ist, belastet das die Liquidität.
Kontrolle 9 — Lieferantenschulden und nicht erhaltene Rechnungen
Prüfen Sie:
- Lieferantenbilanz
- nach Abschluss erhaltene Rechnungen
- zu zahlende Kosten
Klassische Falle: „Wir haben die Rechnung nicht erhalten, also buchen wir sie nicht.“ Aber die Kosten existieren.
Kontrolle 10 — Sozialabgaben und Löhne: das stille Risiko
In der Schweiz kommen AVS/LPP/LAA-Korrekturen schnell.
- Lohnabgleich Buchhaltung vs Abrechnungen
- LPP-Bescheinigungen (Pensionskasse)
- LAA/LAC-Prämien
- zu verbuchende Ferien und Überstunden
Praxisbeobachtung: Es gibt KMU, in denen nie nicht genommene Ferien verbucht werden. Solange der Chef da ist, geht das. Nach der Übernahme und wenn das Team „nachholen“ will, kommt die Rechnung.
Kontrolle 11 — MWST: Sätze, Befreiungen, Korrekturen, Nachzahlungsrisiken
MWST ist ein Minenfeld, wenn das Unternehmen mischt:
- Leistungen in der Schweiz und im Ausland
- Sätze 8,1 % und 2,6 %
- Weiterverrechnungen, Auslagen, gemischte Leistungen
Prüfen Sie:
- Konsistenz der angewandten Sätze
- Exportbelege
- Vorsteuerkorrekturen
- vergangene MWST-Prüfungen und Korrespondenz
Eine MWST-Nachzahlung ist nicht nur MWST. Es gibt auch Zinsen und manchmal lange Diskussionen.
Kontrolle 12 — Streitigkeiten, Rückstellungen und Kundengarantien
Fordern Sie die Liste der Streitigkeiten an, auch „kleine“.
- laufende Verfahren
- Kundenreklamationen
- Produktgarantien
- Vertragsstrafen
Wenn das Unternehmen nie Streitigkeiten hat „weil man sich arrangiert“, Vorsicht. Meist ist nichts dokumentiert.
Tabelle 2 — Schulden und Verpflichtungen: wo sie sich verstecken
| Bereich | Wo schauen | Konkretes Beispiel | Was Sie verhandeln |
|---|---|---|---|
| Aktionärsdarlehen | Anhänge + Verträge | Darlehen fällig bei Kontrollwechsel | Rückzahlung vor Closing oder Subordination |
| Leasing | Verträge + Zeitpläne | 6 Fahrzeuge, 28 Monate verbleibend | Anpassung Netto-Schulden |
| Nicht erhaltene Rechnungen | zu zahlende Kosten | Jährliche Wartung im Januar fakturiert | Rückstellung beim Closing |
| Sozialabgaben | AVS/LPP-Abrechnungen | AVS-Korrektur auf Bonus | Verkäufergarantie |
| MWST | Abrechnungen + Belege | Falsch angewandter Satz auf Leistungen | Preisrückbehalt / Garantie |
Working Capital, Liquidität und Cashflow
Sie können ein profitables Unternehmen kaufen… das nie Cash hat. Dann finanzieren Sie.
Kontrolle 13 — Working Capital-Analyse: Kunden, Lager, Lieferanten
Berechnen und verfolgen Sie über 24–36 Monate:
- DSO (Days Sales Outstanding)
- DIO (Days Inventory Outstanding)
- DPO (Days Payable Outstanding)
Ein steigender DSO ist oft ein Problem beim Inkasso oder der Fakturierung.
Kontrolle 14 — Altersstruktur der Forderungen und Debitorenverluste
Fordern Sie das Aging an:
- 0–30 Tage
- 31–60
- 61–90
-
90
Dann:
- Rückstellungspolitik
- Verlusthistorie
- große Streitfälle
Wenn 20% der Forderungen über 90 Tage alt sind und die Rückstellung minimal ist, zahlen Sie doppelt: einmal beim Kaufpreis, einmal bei Verlusten.
Kontrolle 15 — Lager: Bewertung, Veralterung, Inventuren
Das Lager ist ein perfekter Ort, um eine Bilanz zu verschönern.
Prüfen Sie:
- Bewertungsmethode (Durchschnittskosten, FIFO)
- physische Inventuren (Daten, Unterschriften)
- Veralterung (Umschlag, ruhende Artikel)
- echte Marge bei Liquidation
Wenn das Unternehmen ein ERP (Odoo oder anderes) hat, exportieren Sie die Bewegungen. Sonst mit Excel und Abgleich mit Einkäufen/Verkäufen. Weniger elegant, aber es funktioniert.
(Quelle: Modul für Verkaufs-, Einkaufs- und Lagerkontrolle in Odoo)
Kontrolle 16 — Cashflow: vom Ergebnis zum Cash (Abgleich)
Das Ergebnis kann gut sein und das Cash schlecht.
Rekonstruieren Sie:
- EBITDA
- Working Capital-Veränderung
- Investitionen (CAPEX)
- Schuldentilgung
Prüfen Sie die Konsistenz: Eine KMU, die „starkes Wachstum“ ankündigt, deren Liquidität aber ohne Finanzierung sinkt, zeigt unkontrolliertes Wachstum.
Kontrolle 17 — Liquidität: Kontoauszüge, Abgleiche, Einschränkungen
Fordern Sie an:
- Kontoauszüge über 12 Monate
- Bankabgleiche
- gesperrte Konten / Verpfändungen
Falle: angezeigte Liquidität, aber tatsächlich durch Verpfändung oder Bankkompensation belastet.
Praxisfall (Genf): Was ein falsch verstandenes Working Capital bewirkt
Genfer KMU für technische Dienstleistungen (GmbH), 12 Mitarbeiter. Sie verhandeln einen Preis auf Basis eines „normalisierten“ EBITDA von CHF 420’000.
Sie schauen auf das Working Capital:
- Kundenforderungen: CHF 980’000
- Lieferantenschulden: CHF 410’000
- zu zahlende Kosten: CHF 120’000
- Lager: CHF 0 (Dienstleistungen)
Working Capital = Forderungen + Lager – Lieferanten – zu zahlende Kosten
Working Capital = 980’000 + 0 – 410’000 – 120’000 = CHF 450’000
Vergleichen Sie mit der Historie: Das „normale“ Working Capital über 3 Jahre war CHF 260’000. Jetzt gibt es CHF 190’000 zu viel.
Warum?
- DSO von 52 auf 78 Tage gestiegen (späte Fakturierung + schwaches Inkasso)
- Ein großer öffentlicher Kunde zahlt in 60–90 Tagen, und das Unternehmen hat diesen Kunden ohne Anpassung der Liquidität übernommen
Folge für Sie:
- Wenn der Deal eine Preis-Anpassung auf Working Capital vorsieht, verhandeln Sie -CHF 190’000.
- Wenn der Deal Festpreis ist, finanzieren Sie CHF 190’000 Liquidität ab Tag 1.
Viele Käufer sind schockiert. „Aber das Unternehmen ist profitabel!“ Ja. Und es verbraucht Cash.
Red Flags: Warnsignale, die man nicht ignorieren sollte
Hier die häufigsten. Keine Theorie – echte Erfahrung.
Red Flag 1 — Buchhaltung „nach Gefühl“ und späte Abschlüsse
Wenn der Jahresabschluss 8–10 Monate nach Stichtag fertig ist, ist das selten ein gutes Zeichen.
- fehlende Steuerung
- späte Korrekturen
- Abhängigkeit von einer Person
Red Flag 2 — Ein-Mann-Orchester (und niemand kann es sonst)
Der Eigentümer macht:
- Fakturierung
- Zahlungen
- Bankbeziehung
- Löhne
Sie übernehmen? Sie erben ein enormes operatives Risiko. Absichern mit Prozessen, Delegation und ggf. einer vertraglichen Übergangszeit.
Red Flag 3 — Margen, die „dank“ Jahresendbuchungen halten
Wenn die Marge nur beim Abschluss besser wird durch:
- fragwürdige Aktivierung von Kosten
- Rückstellungsabbau
- Lager steigt ohne Grund
… sofort tiefer graben.
Red Flag 4 — MWST und Löhne: Bereiche, wo Kontrollen schmerzen
Eine KMU kann einen schlechten Verkaufsmonat überleben. Eine MWST-Nachzahlung oder schwere Sozialkorrektur ist etwas anderes.
Red Flag 5 — Zu schnelles Wachstum ohne Struktur
Umsatz +30%, aber:
- DSO explodiert
- Kundenbeschwerden
- Mitarbeiterfluktuation
Wachstum ist gut. Nicht finanziertes Wachstum ist eine Falle.
20 entscheidende Prüfungen (umsetzbare Liste, ohne Poesie)
Hier die komplette Checkliste. Wenn Sie 12 von 20 machen, vermeiden Sie schon die meisten Katastrophen.
- Abgleich Buchhaltungsumsatz vs MWST
- Cut-off Verkäufe (Jahres-/Monatsende)
- Kundenkonzentration (Top 10)
- Vertragsanalyse (Dauer, Kündigung, Indexierung)
- Gutschriften und Kundenstreitigkeiten
- Margen nach Segment (Kunde/Produkt)
- Finanzschulden + Covenants
- Aktionärsdarlehen (Fälligkeit, Klauseln)
- Leasing und außerbilanzielle Verpflichtungen
- Lieferantenschulden + nicht erhaltene Rechnungen
- Sozialabgaben (AVS/LPP/LAA) + Ferienrückstellungen
- MWST: Sätze, Befreiungen, Vorsteuer
- Rückstellungen Streitigkeiten / Garantien
- Historisches Working Capital und Saisonalität
- Aging Kunden + Rückstellungspolitik
- Lager: Inventur, Veralterung, Bewertung
- Cashflow: Abgleich Ergebnis → Cash
- Bankabgleiche + Einschränkungen
- Anlagen: Existenz, Abschreibungen, bevorstehende CAPEX
- Nahestehende Parteien: Mieten, Leistungen, Weiterverrechnungen
Checkliste #1 — Dokumente, die Sie vor „Preisgesprächen“ verlangen sollten
- Jahresabschlüsse 3 Jahre (Bilanz, Ergebnis, Anhänge)
- Detaillierte Bilanz + Hauptbuch für 3 Jahre
- Aktuelle Zwischenbilanz (monatlich oder quartalsweise)
- MWST-Abrechnungen + Abgleich mit Buchhaltung
- Verkaufsexport (nach Kunde) + Einkaufsexport (nach Lieferant)
- Aging Kunden + Liste der Rückstellungen
- Lieferantenbilanz + Liste nicht erhaltener Rechnungen
- Liste der Anlagen + Abschreibungen
- Verträge: Kredite, Leasing, Mietvertrag, wichtige Kundenverträge
- Lohnabrechnungen + LPP/LAA-Bescheinigungen
- Liste Streitigkeiten, Garantien, Verpflichtungen
Wenn Sie 30% davon bekommen und „Vertrauen Sie uns“ hören, wissen Sie, was das wert ist.
Nahestehende Parteien und „kleine Arrangements“: das echte Aufräumen vor der Übernahme
In KMU gibt es oft:
- Miete an die Immobiliengesellschaft des Eigentümers
- ein „Firmenwagen“ privat genutzt
- großzügige Repräsentationskosten
- Weiterverrechnungen zwischen Gruppengesellschaften
Nicht unbedingt illegal. Aber Sie müssen wissen, was nach dem Verkauf wegfällt und was ersetzt werden muss.
Konkrete Kontrolle — Prüfung sensibler Konten
Gehen Sie durch:
- Fahrzeugkosten
- Essens-/Repräsentationskosten
- „Beratungshonorare“
- Telefonkosten
- Mieten
Und fragen: „Wer profitiert? Läuft das nach dem Verkauf weiter?“
Häufige Fehler (und wie man sie korrigiert)
Fehler 1 — Glauben, die Bilanz sagt alles
Symptom: Sie schauen auf Bankverbindlichkeiten und denken, Sie sind fertig.
Korrektur: Fügen Sie Leasing, nicht erhaltene Rechnungen, zu regulierende Sozialabgaben, Streitigkeiten hinzu. Schulden sind nicht nur ein 2xxx-Konto.
Fehler 2 — Ein „normalisiertes“ EBITDA ohne Belege akzeptieren
Symptom: 12 Anpassungen, keine Belege.
Korrektur: Jede Anpassung braucht ein Dokument (Rechnung, Vertrag, Buchung). Und prüfen, ob es im Folgejahr wiederkommt.
Fehler 3 — Working Capital in der Verhandlung vergessen
Symptom: Festpreis, kein Anpassungsmechanismus.
Korrektur: Definieren Sie ein Ziel-Working Capital auf Basis der Historie und passen Sie beim Closing an. Sonst finanzieren Sie die Abweichung.
Fehler 4 — MWST unterschätzen
Symptom: „Wir haben das immer so gemacht.“
Korrektur: MWST vs Buchhaltung abgleichen, Sätze 8,1 % / 2,6 % / 3,8 % prüfen, Exportbelege, Vorsteuer. Und Verkäufergarantie erhalten.
Fehler 5 — Qualität der Forderungen nicht testen
Symptom: großer Kundenposten, schwache Rückstellungen.
Korrektur: Aging, Prüfung >90 Tage, Kundenbestätigung falls nötig, Preis-Anpassung oder Rückbehalt.
Fehler 6 — Nachträglich entdecken, dass der Mietvertrag ein Thema ist
Symptom: Mietvertrag auf Verkäufer, Verlängerung unsicher.
Korrektur: Zustimmung des Vermieters vor Unterschrift oder aufschiebende Bedingung. In Genf kann ein Standort 50% des realen Werts ausmachen.
Abschnitt „OR“: Was das Gesetz zur Buchhaltung vorschreibt (und warum das hilft)
Das Obligationenrecht legt Regeln für die Buchführung und Präsentation fest. Sie kaufen keine Theorie, sondern ein Unternehmen, das verständliche Abschlüsse liefern muss.
Praktische Punkte:
- Existenz von Buchhaltung und Belegen
- Grundsätze von Vorsicht und Regelmäßigkeit
- Anhänge und Mindestinformationen je nach Größe
Wenn die Dokumentation schwach ist, ist das nicht nur „weniger komfortabel“. Es erhöht Ihr Risiko, für Zahlen zu zahlen, die nicht verteidigt werden können.
(Quelle: Obligationenrecht (OR))
Wie man Feststellungen in Vertragsklauseln umwandelt (sonst bringt es nichts)
Due Diligence ohne vertragliche Umsetzung ist ein Bericht, der im Schrank landet.
1) Preis-Anpassung (Netto-Schulden / Working Capital)
- Schulden genau definieren (Leasing? Aktionärsdarlehen?)
- Cash genau definieren (gesperrte Konten?)
- Ziel-Working Capital definieren (historischer Durchschnitt, Saisonalität)
2) Zielgerichtete Verkäufergarantien
Beispiele:
- MWST: Einhaltung der Sätze und Meldungen
- Sozialabgaben: keine Rückstände
- Streitigkeiten: vollständige Liste + Übernahme ab Schwelle
3) Preisrückbehalt / Escrow
Wenn ein Risiko wahrscheinlich, aber nicht zu 100% bezifferbar ist (Streit, laufende MWST-Prüfung), ist Rückbehalt oft die sauberste Lösung.
4) Aufschiebende Bedingungen
- Mietvertragsverlängerung
- Erhalt eines wichtigen Kundenvertrags
- Bankfinanzierung erhalten
Checkliste #2 — Ihr „Go/No-Go“ in 30 Minuten
- Ist der Umsatz konsistent mit MWST und Verträgen?
- Sind die Top 3 Kunden stabil und dokumentiert?
- Halten die Margen ohne fragwürdige Abschlussbuchungen?
- Ist das Working Capital im Griff (DSO vernünftig, keine schlechten Forderungen)?
- Sind außerbilanzielle Schulden (Leasing, zu zahlende Kosten) integriert?
- MWST und Sozialabgaben: keine große Grauzone?
- Akzeptiert der Verkäufer gezielte Garantien und einen Anpassungsmechanismus?
Wenn Sie bei 3 Punkten „nein“ ankreuzen, haben Sie entweder viel zu sichern, einen Grund, den Preis zu überdenken oder zu gehen.
FAQ zur finanziellen Due Diligence KMU Schweiz (2026)
1) Wie viel Zeit sollte man für eine ernsthafte finanzielle Due Diligence einplanen?
Für eine „saubere“ KMU mit verfügbaren Daten: meist 2 bis 4 Wochen zwischen Sammlung, Analyse und Fragen/Antworten. Ist die Buchhaltung chaotisch, kann es doppelt so lange dauern.
2) Kann man eine Due Diligence ohne Zugang zum Hauptbuch machen?
Man kann, aber man steuert blind. Ohne Hauptbuch kann man Abschlussbuchungen, sensible Konten, Rückstellungen nicht richtig prüfen. Unserer Meinung nach ein schlechtes Geschäft.
3) Welche Positionen sorgen in der Schweiz für die meisten bösen Überraschungen?
MWST, Sozialabgaben (AVS/LPP), überbewertete Kundenforderungen, veraltetes Lager, nicht integriertes Leasing und nahestehende Parteien (Miete, private Kosten).
4) Wie behandelt man die Eigentümervergütung im EBITDA?
Auf „Marktniveau“ für die tatsächliche Position setzen. Wenn der Eigentümer sich CHF 60’000 zahlt, aber die Arbeit eines Vollzeit-Direktors macht, ist Ihr EBITDA künstlich aufgebläht. Zahlt er sich CHF 250’000 und ein Ersatz kostet weniger, wird anders angepasst.
5) Was tun, wenn der Verkäufer eine Preis-Anpassung auf Working Capital ablehnt?
Drei Optionen: (1) Festpreis senken, um das Risiko einzubeziehen, (2) Preisrückbehalt verlangen, (3) verzichten. Ein Working Capital-Drift ohne Schutz kaufen heißt meist, von Anfang an Cash nachschießen.
6) MWST: Welche Sätze sollten 2026 in den Analysen erscheinen?
Die gültigen Sätze für Ihre Kontrollen sind 8,1 % (normal), 2,6 % (reduziert) und 3,8 % (Beherbergung). Bei inkonsistenten Einstellungen tiefer graben.
(Quelle: Due Diligence – Definition und Anwendungen (offiziell SECO))
Wenn Sie pragmatisch vorgehen wollen: Sichern Sie zuerst MWST, Sozialabgaben, Working Capital und außerbilanzielle Schulden. Hier verstecken sich die Verluste. Der Rest ist Preisverhandlung.